DAS HERRENHAUS VERANSTALTUNGS-RAUM ARBEITS-RAUM KUNST LITERATUR MUSIK
 

Feuerland, Edenkoben
Über das Schreiben im Herrenhaus


Ich liebe es, zum Fenster hinauszuschauen. Damals war es in Richtung Roth, und in der Ferne, über die Reben und den Rhein hinweg, sah ich auf der Südseite meines Lebens den Schwarzwald, der eigentlich Blauwald heißen müsste. Drinnen in jenem Jahr die Fußballweltmeisterschaft. Ich habe vergessen, von wo sie kam. [1990????] Für andere war es ein Höhepunkt, als ginge das Leben danach nicht mehr so recht weiter. Und es legte sich eine Blaue-Portugieser-Schwermut über sie.
 

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Julius, der Sohn von Konrad und Barbara Stahl, war damals im Wrestling-Alter, er steckte mich mit dem Wrestling-Fieber an und ich habe, das war zugleich die Kinderzeit des Privatfernsehens, aufgrund der Begeisterung am Abend manches Mal, statt zu schreiben, was für mich überdies eine reine Morgenarbeit ist, nebenher einen Wein getrunken und verrückten Männern beim Wrestling zugeschaut: die Hauptsache war eher doch das Trinken, und zwar, ich weiß noch: es war Kerner und Blauer Portugieser – wunderbarer Schnee von gestern.
Auch die schöne Küche ist mir unvergeßlich. Es wurde viel gelacht. Manchmal so, als ginge es ewig so weiter.
Und es war wie Glück, in einem Haus wie dem Herrenhaus Edenkoben, fast ein halbes Jahr arbeiten zu dürfen. An einem klaren Tag um Mariae Lichtmeß, ganz ohne verdunkelndes Grün, zog ich ein. Und dann blühten auch bald die Kirschen. Und wenig später konnte ich auf die Leiter steigen und die Kirschen vom Baum im Hof nehmen, direkt von der Hand in den Mund. Und dann war die Zeit in Edenkoben auch schon wieder vorbei. Der Baum ist noch ein Stück gewachsen seither, während wir alle, die Stahls, die Freunde des Herrenhauses und sämtliche Stipendiaten, nur älter geworden sind. Oder schon tot sind, so kam in die Kirschenzeit 2007 der Tod hineingeschneit: Wolfgang Hilbig. Ich sehe in noch in dieser Küche des Herrenhauses sitzen, um den Tisch herum, und schauen, manchmal auch mitlachen. Es war, wie ich hörte, vielleicht die glücklichste Zeit seines Lebens, in Edenkoben. Er lebte nach seiner Stipendienzeit ja noch auf Jahre hinaus in einem Haus in den Weinbergen und kam oft in diese Küche. Danach folgten noch letzte Jahre in Berlin.

Ich kam über Herbert Heckmann, der auch zu den Unvergessenen zählt, zu jenen, welchen ein junger Schriftsteller dankbar sein kann, in das damals noch Künstlerhaus genannte Unternehmen von Konrad und Barbara Stahl.
In Edenkoben entstanden große Teile meines zweiten Buches, das ich keineswegs einem zweiten Kind gleichsetze, das mir aber doch das liebste ist, weil es Feuerland von meinen Büchern am schwersten hatte, wie manchmal Eltern von ihrem Kind sagen. Besprechungen gab es, wenn überhaupt, mit einer Verspätung von, sagen wir, einer Schwangerschaft.

Für mich war das dieses Stipendium mein allererstes, und das erste Mal ist bekanntlich auch das schönste. Das gilt auch für meinen ersten Literatur-Preis, den Pontopreis.
Seitdem bin ich mit diesem Haus, diesen Menschen und auch dieser Gegend verbunden, die in einem der schönsten Anwesen, die ich betreten in einer der schönsten Gegenden, die ich gesehen habe, leben. Ad Multos Annos!

Nun bin ich selbst Juror, und zwar sowohl im Herrenhaus als auch bei Ponto, das heißt, alt genug, um Bücher über die Liebe zu schreiben, ausgestattet mit dem Kapital von Schriftstellern und Verliebten, die ihre große Zeit hinter sich haben: der Erinnerung nämlich. Und dann schreiben sie, auch davon.


Aus: "EXTRAKT. 10 Jahre Literatur im Herrenhaus Edenkoben", 2007.
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