DAS HERRENHAUS VERANSTALTUNGS-RAUM ARBEITS-RAUM KUNST LITERATUR MUSIK
 


Auf den Schultern der Park
Erzählung


Jede Stadt hat ihren eigenen Wind, und der Wind weht in ihrem eigenen Licht, und das Licht prallt von den Häusern ab und sammelt sich in einer Ecke des Parks. Auf dem Gesicht des Mannes auf der Parkbank spielen die Schatten der Rotbuche. Das Licht wandert über dieses bewegungslose Gesicht, erschafft eine Skulptur aus Licht. Der Mann zieht an seiner Zigarette, er bläst den Rauch durch die Lichtzeichnung hindurch. Er ist ganz für sich hier im Park. Er bewohnt diesen Park Tag für Tag, also hat er ein Anrecht auf ihn. Er hat sich sein Anrecht ersessen. Stunden um Stunden die Blicke des Mannes hinein in den Park. Die Pflanzen blühen auf, als ernährten sie sich von seinen Blicken. Pflanzen, die niemand beachtet, gehen ein, der Mann weiß es. Indem er sie anschaut, blühen sie auf. Er macht also eine notwendige Arbeit. Keiner sonst macht sie.

 mehr

 


 Und keinem fällt auf, wie wichtig diese Arbeit ist. Es ist Zeit, daß seine Arbeit gesehen wird. Und er sitzt nun aufrechter auf seiner Parkbank und wartet darauf, gesehen zu werden. Das Licht spielt in seinem Gesicht und macht ihn schön. Und der Wind weht ihm um die Schläfen, daß er tief durchatmet und sich fühlt wie ein Abenteurer.
Auch der Park ist ein Stück zugeschüttete Erde. Aufgeschüttet, geglättet, planiert, versehen mit monokulturellem Rasen zwischen gut gebürsteten Bäumen. Doch es atmet der Wind, den keiner einfangen kann. Er atmet zwischen den geplätteten Feldern, er atmet aus der Tiefe der zugeschütteten Brunnen. Dieses Land ist befriedet. Jedermann geht gefahrlos seiner Wege. Doch auch das Leben ist mit der Gefahr verschwunden. Der Wind sucht seinen Weg durch Hinterhöfe, denn von den öffentlichen Plätzen ist er verbannt. Der Mann auf der Bank atmet in den Zwischenräumen, wo das Leben sich unverletzt und ganz zeigt. Auch hier in der ehemaligen Textilstadt ist die Arbeit, die körperliche unsichtbar seit langem. Wo sind die Gespanne, wo die Sensen im hohen Gras? Wer fährt noch am Nachmittag hinaus ins Ried auf den Acker und sieht nach dem Mais? Für die Waren des täglichen Gebrauchs gibt es Supermärkte an allen Enden der Stadt. Mehr von ihnen gibt es, als je Waren in die Vorratskammern geschleppt werden können. Die Arbeit ist verborgen hinter der Glasfassade des neuen Büroturms. Die Arbeit geschieht wie ehedem draußen in der Fabrik vor der Stadt, auch wenn keine Stoffe mehr gewirkt gefärbt gewebt werden. Die Arbeit geschieht auf dem Baugerüst, hinter dem die Bildschirme schon besetzt sind. Das Ergebnis solcher Arbeit verläßt auf elektronischer Bahn das Haus. Es wird schwerer, zwischen den Bildschirmen den Zwischenraum zu finden, in dem der Atem wohnt.
Der Mann im Park macht seine Arbeit, er betrachtet die Bäume, er betrachtet die Blumenbeete, jedes Jahr sieht er den Stadtgärtnern beim Anlegen der Beete zu, und jeden Herbst, wenn die rauhen Stürme kommen, sieht er ihnen zu, wie sie die Blumen schneiden, die Beete winterfest machen. Der Mann im Park ist da, und seinetwegen sterben die Pflanzen nicht. Er wartet darauf gesehen zu werden. Er hat Zeit. Zeit? Für ihn fließt der Wind dahin, fließen Licht und Schatten ineinander, wechseln Regen und Sonne als Äußerungen ein und desselben Körpers. Er braucht keine Zeit. Zeit ist etwas für die, die ihre Tage unterteilen, die sich verpflichtet haben, eine festgelegte Anzahl von Stunden an diesem und jenem Ort zu sein. Sie verrichten dort Arbeit. Genau wie der Mann im Park. Nur daß seine Arbeit unsichtbar ist. Und doch trägt er den ganzen Park mit allen seinen Pflanzen und Bäumen auf seinen Schultern. Den ganzen Park trägt er, und wenn der Wind in die Bäume fährt, dann wird alles leicht.


Aus dem 2006 in der Edition Thurnhof erschienenen Erzählband "Die Unwirklichkeit".
© Alle Rechte beim Autor