DAS HERRENHAUS VERANSTALTUNGS-RAUM ARBEITS-RAUM KUNST LITERATUR MUSIK
 

Leseprobe aus dem 2008 erschienenen Roman
DIE GELIEBTE DES TROMPETERS

Das erste Mal war nicht großartig gewesen. Es war eben so
geschehen. Er hatte sie am Straßenrand stehen sehen, und sie
hatte ihn auch entdeckt und ihn angeschaut. Sie hatte ihn
lange nicht aus den Augen gelassen, was leicht möglich war,
denn er saß mit seinen Kameraden rückwärts auf der offenen
Ladefläche eines olivgrünen Lastwagens, lachend, lässig, eine
ganze Bande war das, und er, ruhig, groß, dunkel, hatte aufgeschaut und sie entdeckt, dort, an der Ecke Kolonnenstraße - Kaiser-Wilhelm-Platz. Der Armeelastwagen entfernte sich
langsam, und sie wurde immer kleiner unter seinen Blicken,
weil sich der Lastwagen entfernte, es kam ihm so vor, als würde
sie herausgezogen aus seinen Blicken, herausgesogen wurde
sie, und dass er keinen Einfluss darauf hatte, machte ihn
wütend, zum ersten Mal in vier Monaten bei der Army wurde
der Soldat wütend und fluchte und hieb seinem Sitznachbarn
auf den Oberarm, dass er ächzte. Und alles wegen dieses Mädchens am Straßenrand, das kurz den Rock gelüftet hatte, um einen löchrigen Strumpf zu richten.
 

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Am Straßenrand! Als ob es noch Straßen mit ordentlich
befestigten Rändern gegeben hätte! Schneisen waren es,
graue, staubige, unebene, holprige, unansehnliche Wege in
einem Trümmerfeld. Das Trümmerfeld, das war Berlin gewesen.
Da war der junge Mann vorbeigekommen, auf dem Weg
vom Hauptquartier derUS Army in Zehlendorf nachTempelhof.
Ein Junge war das eigentlich noch, keine zwanzig, und sie
hatte ihn angesehen.
Gestiert hast du, hätte ihre Mutter gesagt, geglotzt, der Vater
und hinzugefügt: Mach, dass du Land gewinnst. Aber die
Mutter hatte Riccarda selbst auf die Straße geschickt, schon
vor langer Zeit, und der Vater – war da und doch nicht da, wie
so viele. Der junge Mann, der eigentlich noch ein Junge war,
hatte ihren Blick erwidert, verblüfft, wie es schien, und das
war’s. Nicht mal hallo gerufen oder guten Tag oder die Hand
gehoben zum Gruß.
Beiläufig hätte man das wohl früher genannt, als es solche
Begegnungen noch gab, die gerade dadurch ihren Charme
gewannen, dass sie zufällig waren. Beiläufig wie Wasserholen,
wie den Staub von der Schreibmaschine wischen, wie die
Spange aus demHaar nehmen vor demZubettgehen. Jetzt gab
es nichts Beiläufiges mehr, keine Zeit zu verschwenden hatte
man. Die letzte Perlmuttspange schon lange versetzt, Wasserholen
noch vor kurzem ein lebensgefährliches Abenteuer,
um Bürostaub kümmerte sich keiner mehr, seit meterhoher
Schutt in den Straßen lag, den Heerscharen gebeugter Frauen
mit bloßen Händen wegräumten, in Kitteln,mit Tüchern um
den Kopf, die wie Lumpen aussahen, als hätten diese Frauen
alle Kopfschüsse, alle seien sie versehrt, krank im Koppe, wie
Riccardas Mutter sagte.
In dieser Welt glaubte man nicht an Zufälle und hatte vergessen,
was Beiläufigkeiten waren, da war kein Verlass drauf,
sagte Riccardas Mutter, alles musste sitzen, musste passen,
wollte organisiert und bewerkstelligt sein. Nie waren die Berliner
organisierter gewesen als in dem Chaos, in das der Krieg
sie gestürzt hatte, nie wurden straffere Pläne geschmiedet,
hastigere Verabredungen getroffen, minutengenauere Abläufe
ersonnen und eingehalten als in den ersten Monaten nach
dem Krieg.
Und dann das. Ein Mädchen, das glotzt. Und ein Junge, der
sich fragt, was das zu bedeuten hat. Sie lächeln beide. Und
etwas passiert in der Kehle des Jungen, so dass er sich verschluckt
und zu husten beginnt und ihm der Nachbar, den er
eben noch geboxt hat, auf die Schulter schlägt: Come on …
Mehr nicht: Ein Blick, ein Innehalten, ein kleiner Schluckauf.
Etwas, das zum Rest der Zeit nicht passte. Mehr war nicht
an diesem trügerisch warmen Apriltag des Jahres 1947. Und
doch wusste Riccarda mit einem Mal, dass der Winter vorbei
war.
Es war der Winter aller Winter gewesen. Schlimmer als alles,
was davor gewesen war, und schlimmer als alles Vorstellbare.
Es war der Winter der Heimsuchung oder der Rache, und
die Berliner Frauen wurden stumm über diesenVermutungen.
Die Vermutungen oder Verfolgungen ließen selbst nachts
nicht von ihnen ab, wenn sie unter immer zu dünnen Decken
lagen, bemüht, sich nicht zu rühren, bemüht, nicht die kalten
Stellen der schäbigen Matratzen zu berühren, da, wo früher
der Mann gelegen hatte, der Verlobte, der Freund.
Und während sie wach lagen und auf den Schlaf warteten,
der nicht kam, verwandelte sich das Wasser in den Leitungen
in Eis, platzten die Rohre. In der Küche froren die ungespülten
Teller aufeinander fest und bildeten bizarre Türme. In den
Nissenhütten in Wilmersdorf hingen die Decken steif zwischen
den behelfsmäßigenWohnräumen der Flüchtlinge. Die
zweite Kältewelle traf Berlin im Januar 1947, als alle schon
müde waren und mürbe vom Kampf ums Überleben. Das war,
als der letzte tröstliche Rest Wodka ausgetrunken war, den
die russischen Besatzer zu Neujahr spendiert hatten: neunzig-
tausend Flaschen für die Berliner. Freilich nur für die Männer,
die Frauen hatten das Nachsehen, und als dann auch
noch die städtischen Badeanstalten wegen Kohlemangels geschlossen
wurden und es keinerlei Möglichkeit mehr gab, sich
zu waschen, igelten sich die Frauen noch mehr in ihren unzureichenden
Jacken und Mänteln ein, mummelten sich zu,
verhüllten sich, verschwanden unter schmutzigem Filz und
Wolle, gingen darin unter, schautenkaumheraus, denn was sie
da sahen, machte sie nur noch wütender und hungriger und
trauriger.
Manchmal sahen die zornigen Augen einer Berliner Frau
einen Bekannten, einen Vertrauten, den eigenen Mann: Sie
entdeckte da hinten auf der Straße einen Heimkehrer, der
behauptete, ihr Ehemann zu sein, der lange Vermisste. Und
während sie ihn mit echten Tränen, aber ohne viel Gefühl,
umarmte, betastete sie wohl auf seinem Rücken den Stoff des
Armeemantels, den er trug: Den würde er ohnehin ablegen
müssen, die Alliierten verboten den besiegten Soldaten das
Tragen von Uniformen, und so ließ sich aus dem warmen
Mantel sicher noch etwas Nützliches schneidern, für sie selbst,
dachte Irmgard, und für die Töchter, für Renate und vielleicht
auch für Riccarda. Irmgard Krampitz schämte sich nicht für
diese Gedanken, Scham war ein Luxus wie Reinlichkeit oder
Brot, nur womöglich noch seltener zu haben. Im Januar 1947
also kehrte der Kohlehändler Siegfried Krampitz aus der Gefangenschaft
heim nach Schöneberg, wo es keine Kohlehändler
mehr brauchte, und mit ihm Zehntausende andere.
Die Männer retteten sich zurück, aber das Zuhause war
nicht mehr da. Eng wurde es in den behelfsmäßig wieder hergerichteten
Wohnungen – eng wurde es, aber nicht warm.
Männer und Frauen konnten nicht mehr viel miteinander
anfangen, die Frauen hatten gelernt, allein zurechtzukommen,
und so zog sich Siegfried Krampitz schon nach wenigen
Wochen zu seinem Bruder und der Schwägerin zurück. Irmgard
und die beiden Töchter machten weiter wie bisher, als
ob sie immer noch warteten, nur wussten sie nicht mehr,
worauf...........
 

Leseprobe aus: DIE GELIEBTE DES TROMPETERS. Roman
 © 2008, dtv.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlags