DAS HERRENHAUS VERANSTALTUNGS-RAUM ARBEITS-RAUM KUNST LITERATUR MUSIK
 

Leseprobe aus dem Roman KAISERSTRASSE:

 

EDENKOBEN

Das Dorf lag in der Pfalz. Der Sommer war gegangen, aber einen Teil seiner Wärme hatte er dem Oktober da gelassen. Es war ein wunderbares Wetter, von kleinen Wolken flankiert. Vögel sammelten sich auf den Überlandleitungen und schauten mit den Schnäbeln unter den Flügeln nach, ob alles in Ordnung war für den langen Flug nach Süden. Ein Schwarm, der sich schon gefunden hatte, bog vorbei und einzelne Vögel stürzten hinzu, schnitten eine Ecke aus der Luft und schlossen sich als kleiner Körper dem großen Körper an. In der Nacht hatte Jule von einem Mann geträumt, der Blumen in den Schnee pinkelte.
 

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Sie überquerte die Dorfstraße, um in das Schaufenster eines Pfandleihers zu schauen. Zwei Telefone mit Anrufbeantwortern aus den späten Achtzigern sahen klebrig aus neben dem gestickten Bild vom Papst, der mit scharfem Blick über acht Paar Eheringe wachte, die alle im Sonderangebot waren. Auf einer Schiefertafel, die den Weg versperrte, stand: Freitag: Saumagen, obwohl Samstag war. Jule ging weiter die enge Straße hinauf, plötzlich ganz sicher, dass bei der nächsten Ecke sie in die fünfziger Jahre würde einbiegen können. Da hielt ein Taxi neben ihr.
Zum Herrenhaus, bitte, sagte sie.
Mit Johann hatte sie drei Jahre lang zusammengelebt.

Das ist bei uns um diese Zeit immer so, sagte der Taxifahrer und zeigte auf die Vögel am Himmel. Er hielt an einer stillen Kreuzung, mitten im Mittagslicht. Eine Frau schleppte eine Stellwand auf die Straße und stellte sie am Eingangstor zum Herrenhaus auf. Ihre Haare wippten in einer Rolle nach außen. Jule zahlte und stieg aus. Das Herrenhaus war seinem Nachbarn, einem Kloster, wie aus dem Gesicht geschnitten und musste sich mit seiner ganzen strengen Schönheit aus dem nahen Elsass hierher verirrt haben. Sie ging auf die Frau zu, die noch immer mit der Stellwand kämpfte. Während sie in der Tasche nach den Unterlagen suchte, hielt wenige Schritte von ihr entfernt ein alter Mercedes Diesel und streifte beim Einparken fast die hohe Mauer des Herrenhauses. Ein Wellensittich an einem geöffneten Fenster schrie staccato sein Lied auf einem Ton, bis der junge Mann hinter dem Steuer endlich den Motor abstellte. Die Fahrertür öffnete sich.
Die Turnschuhe erkannte Jule sofort.

Aus: Judith Kuckart, KAISERSTRASSE. Roman, ©DuMont 2006.
Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags