DAS HERRENHAUS VERANSTALTUNGS-RAUM ARBEITS-RAUM KUNST LITERATUR MUSIK
 

Über das Herrenhaus:

Die Hunde des Schlosses

Die inspirierende Atmosphäre des Herrenhauses hat mich von Anfang an in ihren Bann gezogen. Während ich dort lebte, nahm ich mir vor, über die Weinbauern aus Edenkoben zu schreiben. Ich bin selbst in einem Weingebiet in ähnlicher Gegend in Kroatien geboren.
Die mystische Atmosphäre des Hauses hat mich auch zu Hause nicht in Ruhe gelassen und ich habe mich entschlossen, eine apokryphe Geschichte des Herrenhauses zu schreiben, deren Darsteller die Künstler sein sollten, die ich dort getroffen habe.

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Der Roman erschien im Jahre 2002 unter dem Titel „A kastély kutyái” (Die Hunde des Schlosses). Seither ist der Roman in der Internetbibliothek von Szechenyi Bibliothek aus Budapest zu finden: http://mek.oszk.hu/03400/03441

Die folgende Leseprobe stammt aus einem früheren Roman, der bisher nur auf ungarisch erschienen ist:

 



Wolkenbruch

(Romanauszug)

„Uns war einfach keine bessere Lösung eingefallen, wir haben den Jungen in einer spanischen Truhe versteckt und sie unter der Platane vor dem Haus eingegraben, unter dem dichten Laub war es, als schütze ihn ein Zelt“, erzählte die Frau.
„Aber da bekam er doch keine Luft!“ Die Frau mit der Brille war ganz ungläubig.
„Es war nicht irgendeine Truhe“, fuhr die Frau fort, „ein Belüftungsschlitz unter dem Deckel sorgte für ausreichenden Luftaustausch, die Seeleute haben sich das nicht zufällig so ausge¬dacht, sie konnten damit wochenlang auf dem offenen Meer treiben, denn sie war so massiv gebaut, dass die Wellen sie nicht zerstören konnten, also würde sie auch der Erde standhalten. An den beiden Seiten wurde sie von Eisenbändern zusammengehalten, wie Fäs¬ser von Dauben. Man konnte darin hocken, oder sich auf den gehobelten Bohlen seitlich mit angezogenen Beinen hinlegen. Den Deckel haben wir mit dürrem Laub abgedeckt, damit wir ihn in der Nacht, wenn die Gefahr vorbei war, leicht öffnen konnten. Dann konnte er seine Glieder ordentlich ausstrecken, frische Luft schöpfen und den Kübel ausleeren. Ich habe ihm immer das Essen gebracht, und mein Mann hat so lange auf der anderen Seite des Hügels Wa¬che gestanden, denn von da konnte man die ganze Gegend überblicken.“
Der Mann tat, als ginge ihn das, was seine Frau erzählte, nichts an. Dabei war er es, der den Sohn überzeugt hatte: Der Deckel ist leicht hochzuheben, ich werfe nur ein paar Schaufeln Erde dar¬über, damit der Boden gleichmäßig wirkt, so kannst du Jahre verbringen, ohne dass sie dich aufstöbern. - So willst du mich also loswerden, du willst mich lebendig begraben? '-Es gibt keine andere Wahl, und wir haben jetzt keine Zeit, darüber zu debattieren, wir sind eingekesselt; auf der einen Seite die einen, auf der anderen Seite die anderen, was möchtest du sein: Deserteur oder Feind, was glaubst du, wer würde sich mehr freuen, dich hier zu finden?' - Wir sind doch zusammen zur Schule gegangen, ich kenne sie alle, es sind ja keine Marsbewohner, die hier mit ihren Panzern und Kanonen rumdonnern; jeder kennt hier doch jeden, begehrte der Junge auf. - Also was jetzt, kletterst du in die Truhe oder nicht?'
„Und da stand nun der Panzer unter der Platane“, erzählte die Frau im schwarzen Kleid wei¬ter, doch ihre Reisegefährtin blickte immer ungeduldiger hinaus in die dunkler werdende Landschaft und den Regen, der die Erde langsam in ein Meer verwandelte. „Drei Tage und drei Nächte stand er dort. Ich bin quasi nicht aus dem Schlafzimmer gegangen. Manchmal hat mein Mann mir Wasser gebracht und erzählt, was die Soldaten tun und wo sie sind. Er hatte sich überlegt in den Panzer zu steigen und ihn wegzufahren, einfach nicht stehen zu bleiben, auch wenn sie auf ihn schießen sollten, es war ihm sowieso egal, er hätte mit dem Gedanken nicht weiterleben können, dass er seinen einzigen Sohn lebendig begraben hätte.“
„Was, der war die ganze Zeit in der spanischen Truhe? Und der Panzer stand da drauf?“
„Das habe ich doch die ganze Zeit erzählt. Sie haben mir überhaupt nicht zugehört.“ Die Frau warf ihr einen strengen Blick zu.
„Deshalb tragen Sie schwarz?“
„Wir wollten die Truhe nicht ausgraben, zwei Jahre sind vergangen, aber wir konnten es im¬mer noch nicht. Was hätten wir denn mit unseren zwei Händen mitnehmen sollen? Der Sohn war das teu¬erste, das ich besaß. Wir gruben ihn aus, und sammelten seine Knochen ein“, sagte die Frau ungeduldig.
„Und das sagen Sie einfach so? Das ist eine Pietätverletzung ...“ Die Frau mit der Brille rückte von ihr ab.
„Diese Pietät ist unsere Privatsache, da kann wohl keiner reinreden. Andere haben ihre Lieben auch mitgenommen, sogar die frisch Begrabenen, denn sie wussten, dass sie nie mehr im Le¬ben ihren Fuß auf diesen Boden setzen würden.“
„Sind die Knochen in dem Koffer dort drüben auf der anderen Seite, wo ihr Mann sitzt?“ Die Frau mit der Brille erhob ihre Stimme, damit es möglichst alle hörten.

Übersetzung in der Bearbeitung von Kristin Schwamm
copyright beim Autor