DAS HERRENHAUS VERANSTALTUNGS-RAUM ARBEITS-RAUM KUNST LITERATUR MUSIK
 

Ich, der Beileidsbesucher 

Als ich hörte, daß die Frau des persischen Konsuls gestorben war, zog ich meinen einzigen Anzug an, den abgetragenen, haselnußfarbenen, und band dazu eine braune Krawatte um, hauchte auf die Spitzen meiner Schuhe, polierte sie mit einem Staublappen und kramte danach in den herumliegenden Jeans und Reithosen. Ich hätte ein weißes und möglichst sauberes Taschentuch benötigt.
Es war wohl der Kummer, der sie hingerafft hat, dachte ich derweilen, dauerhafter Kummer rafft alle hin, wenn die Bekümmerten es so wollen. Die Davongegangene hieß Katalin, der Name ist bei den Persern nicht heimisch. Aber sie hatte als Perserin wie eine echte Katalin ein längliches, ein wenig eingefallenes Gesicht gehabt und am Nasenansatz die verschönernden Falten des Kummers. Ich hatte sie am Geburtstag des Herrn Beridse bei dampfenden Bratenplatten und dann, bei der Beerdigung des Herrn Beridse mit ungezahlten Chrysanthemen, gesehen, und einmal aus nächster Nähe in der Wohnung, auf ihrer Kamelhaardecke sitzend, und da waren in meiner Nähe - ja, so war es - die Tränen in ihren Augenwinkeln verschwunden.

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Zum erstenmal begegnet war ich ihr auf der Hochebene, an einem windigen Tag, dieser Wind hatte im vorigen Jahr den Herbst gebracht.
Auf der Hochebene wuchs zwischen flachen braunen Steinen vom Wind gedörrtes, verkümmertes Gras, mein Pferd war gemächlich weidend weit abgeirrt. Es verstand meine Pfiffe nicht, wollte sie nicht verstehen, es war eine schwarze Stute von kleinem und nicht ebenmäßigem Wuchs mit fremder, trotziger Melancholie in den samtigen Augen. Ich folgte ihm also, und Mittag war vorüber, als wir von Stein zu Stein tretend über die Hochebene den Rückweg antraten. Nässeperlendes Gras schwankte unter unseren Füßen, dunstige Wolkenbäusche strichen über unsere Köpfe.
Ich mochte einen düsteren Anblick bieten, als ich zwischen eiligen, niedrigen Wolken mein Pferd am Zügel führte: ein gehender Mann, barhäuptig, das Haar vom Wind gezaust, den Blick nach unten gerichtet, hinter ihm widerspenstig nickend sein Pferd. Vielleicht hat mich gar jemand gesehen und gedacht: oh, wie diese beiden irgendwo hingehen.
Dieser Jemand könnte zur Begleitung des persischen Konsuls gehört haben, denn gerade war mit zwei Autos und seiner Begleitung der Konsul auf der Hochebene eingetroffen. Dem ersten Wagen entstiegen der Konsul und seine Frau, dem zweiten drei Männer in Mänteln, einer war ein Militar mit einer Tellermütze und mit Sternen auf den Schultern. Der feuchte, harte Wind blies ihnen die Mäntel an den Leib, mit Ausnahme des Offiziers zogen sie ihre Mützen in die Stirn, als sie einen nie benutzten schmalen Pfad hin gingen, den Gras und Hauswurz überwucherten. Vorn gingen der Konsul und seine Frau mit einem Kranz, hinter ihnen mit breitem, flachem Gesicht und affenhaft hängenden Armen ein Dritter. Am Ende des Pfads ragte ein trockener, krummer Baumstamm aus den Steinen, von einem Ast hingen an einem zerfaserten Strick Glocken, darunter eine weiße Steintafel, beschrieben mit dem Efeu asiatischer Buchstaben und einer europäisch eingemeißelten Jahreszahl. Sie legten die Kränze auf die Tafel, so daß kein Gekrakel mehr zu sehen war, lediglich etwas, wie Azaleen kräuselte sich im Wind, die geöffneten Blüten waren blaß und durchscheinend vom Frost.
Der Konsul, ein untersetzter Mann mit dem Gesicht eines Fleischers, sprach, der Wind verdrehte seine Worte absonderlich, nur ein sanftes Gebrumm kam von seinen Lippen, das jeder nach Belieben verstehen konnte. Es gab nicht viel Wurst in den Jahren des Verderbs, sagte der Konsul, doch um so mehr Aasvögel. Die Frau des Konsuls weinte.
Dann redete der Militär in der Sprache des Efeus, und schließlich schwiegen sie. Sie standen da auf der Hochebene in der tiefen Stille des rauschenden Winds. Die Frau des Konsuls weinte.

 

Die Erzählung erschien 2007 in "EXTRACT. 10 Jahre Literatur im Herrenhaus Edenkoben"  zum ersten Mal auf deutsch. Auf ungarisch wurde sie zum ersten Mal publiziert in Bodors Erzählband "Az Eufrátesz Babilonnál" "Der Euphrat bei Babylon" (1985, Szépirodalmi kiadó, Budapest). 
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