DAS HERRENHAUS VERANSTALTUNGS-RAUM ARBEITS-RAUM KUNST LITERATUR MUSIK
 

EDENKOBEN
Wenn ich in einer kleinen Straße einen Eissalon sehe, fällt mir ein, dass es das beste Eis in Edenkoben gab.
Beim Versuch, Termine zu ordnen, denke ich oft an den Blick aus dem Fenster im Herrenhaus: die Weinberge, der Hof, die stille Straße morgens um sieben. Nichts drängte, alles war möglich.
Spaziergänge als Denkhilfe: das gab es nur da. Den Weg von Edenkoben nach Rodt (Roth??) vermisse ich in jedem Herbst.
Ach ja, und die Katze: in den vier Romanen um eine Frankfurter Kommissarin gibt es als durchgehende Figur einen schwarzweißen Kater, das ist der Edenkobener Hauskater zu jener Zeit.

 

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Leseproben, Thema "Polizisten"

 

1. AUSZUG "MIMIKRY"
(nicht neu, aber irgendwie der Beginn von allem ... in Edenkoben angefangen)

Sie blätterte im Lehrbuch der Pathologie: »Bei Muskelanstrengung kurz vor dem Tod kann die Totenstarre so schnell einsetzen, daß sie die Stellung im Augenblick des Todes festhält.« Das stimmte. Sie hatte Tote gesehen, bei denen man denken konnte, sie würden noch irgend etwas tun, winken vielleicht, ein Glas halten oder einen Ball treten. Gefrorene Pantomimen, wie Schnappschüsse, wie ein ewiges Gebärdenspiel. Sie sah Tote in ihren Wohnungen und in U-Bahnschächten, auf Waldwegen, in Gebüschen und Hinterhöfen, manchmal in ihrem eigenen Schlafzimmer, wenn die Nacht zu kurz gewesen war und sie aufwachte und sich nicht orientieren konnte, sie haßte alle Leichen.
Sie öffnete das Fenster und atmete die kühle Nachtluft ein. Irgendwo wurde noch gekocht, Knoblauch, zu viel von dem Zeug. Kein Licht mehr hinter dem Fenster gegenüber, vielleicht lag sie endlich im Bett. Eine komische Frau, die im Haus gegenüber Tag für Tag auf die Straße glotzte, als erwarte sie den Prinzen, der nicht kam.
Nervend, alle Gestörten nervten.
Manchmal stand sie im Supermarkt an der Kasse und verzettelte sich mit dem Kleingeld. Sie schien die Pfennige zu sammeln, aus reiner Bosheit möglicherweise, um sie der Kassiererin in die Hand zu zählen, sechsundneunzig, siebenundneunzig, achtundneunzig, die Schlange hinter ihr, das Scharren der Füße, die leisen Flüche überall, egal. Sie zählte weiter. Sprach sie, war es nur ein Wispern, wie bei dieser Benz, bei der war es genauso. Das waren merkwürdige Leute, so fremd.
Ein Rolladen krachte herunter. Arm in Arm liefen zwei Kneipengänger vorbei, wollten woanders hin, aber woanders war zu. Monotones Hupen an der Straßenecke, ein Geräusch wie beim Autoaufbruch. Sie lehnte sich hinaus, zwei Männer im Anzug stritten um einen Parkplatz, einer schrie: »ICH SCHLAG DIR DIE FRESSE EIN.«
»Okay«, flüsterte sie. »Mach doch.« Sie ging vom Fenster zurück, war nicht zuständig. Sie mußte früh raus. Es würde vielleicht Tote geben. Auf der letzten Seite ihres Notizbuches hatte sie notiert: »Vor den Skelettmuskeln erstarrt das Herz.«

2. AUSZUG AUS "FEUERTOD"
Die Zeitung lag auf dem Tisch. Sie hatte schon wieder etwas angestrichen, etwas über Kriege. Er mochte es nicht lesen. Für Ute setzte sich das Elend ohnehin nur aus Raketen und Armut zusammen, aus Erdöl-Kriegen und Staatsoberhäuptern, die keinen Pisa-Test bestehen würden, aber seine eigene schlechte Welt bestand aus Leuten, die ihre Nachbarn wegen einer lauten Stereoanlage erschossen, aus gebrechlichen Rentnern, die ihre Ehepartner nach vierzig langen Jahren mit einem Kissen erstickten, weil sie einander doch nie verstanden hatten, aus Müttern, die nicht um ihre Kinder trauerten, und aus Kindern, die ihn bei der Hand nahmen und erzählten, dass der Papa der Mama so doll auf den Kopp gehauen hatte, bis er ganz rot war und so dick, der Mama ihr Kopp. Aber das mochte er ihr nicht erzählen, weil ihm sein kleiner Teil der schlechten Welt so gewaltig erschien, so viel monströser noch als Raketen oder Erdöl-Kriege.

MIMIKRY, erschienen bei Eichborn 1999;
FEUERTOD, erschienen beim Piper Verlag im Juni 2007 .
Mit freundlicher Erlaubnis der Verlage
Mitfreundlicher Erlaubnis des Verlags