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Die kleinen Menschen


Das Mädchen geht abends nach Hause und es ist dunkel. Ein Mann springt hinter den Büschen heraus und versucht, das Mädchen umzubringen. Er drückt ihm die Kehle zu, sein Gesicht wird schon blau, als Leute kommen und es retten. Der Mann wird festgenommen. Die Polizei bringt ihn zu dem Mädchen ins Krankenhaus, um sich zu entschuldigen. Das Mädchen sagt „Ich kenne Dich nicht, ich habe dich noch nie in meinem Leben gesehen.
Ich habe dir nichts getan. Warum wolltest Du mich umbringen?“
Der Mann schaut sie ruhig an. Dann sagt er zu ihr:
„Ich bin ein Mörder.“ Sonst sagt er nichts.
 

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Eine junge Frau mit zwei Kindern kommt in eine Arztpraxis und sagt: „Ich möchte bitte, dass meine Kinder gegen Grippe eine Impfung bekommen. Es war jetzt so viel in der Zeitung und im Fernsehn und ich habe Angst, dass den Kindern etwas passiert.“ Die Sekretärin nimmt die Daten auf und schaut sich die Versicherungskarte der Mutter an. Dann nickt sie und sagt: „Natürlich. Sie können gleich Platz nehmen. Wir haben einen sehr guten Arzt, der macht das ganz schnell und die Kinder merken die Spritze meist gar nicht.“ Die Mutter setzt sich, die Kinder spielen auf dem Kindertisch mit den Bauklötzen. „Es ist nur ein kurzer Piekser, dafür muss man sich dann keine Sorgen mehr machen“ sagt die Sekretärin noch.
„Natürlich sorge ich mich um meine Kinder“ sagt die junge Frau „ich bin schließlich eine Mutter.“

Eine große Familie mit vielen Kindern will ein Haus bauen und sieht sich ein Grundstück an. Der Vater sagt „Hier ist es schön, hier bleiben wir.“ Der Vater geht zum Eigentümer und sie verhandeln. Als er zurückkommt sagt er, dass sie sich einig wurden. Kurze Zeit später erfahren sie, dass die Gemeinde das Grundstück gekauft hat. Der Vater geht zum Bürgermeister. „Das können Sie doch nicht machen“ sagt er. „Wir sind eine große Familie mit vielen Kindern, wir haben vorher gefragt und waren uns schon einig mit dem Eigentümer.“ „Doch“ sagt der Bürgermeister „das kann ich machen. Ich bin der Bürgermeister.“

Ein Mann fährt mit seinem Auto über die Landstraße und überfährt ein Reh. Er erschrickt, steigt aus und sieht zu, wie das Reh verendet. Er ist erschüttert, weint und schämt sich. Zuhause sagt er zu seiner Frau: „Ich habe heute ein Reh überfahren, ich habe ein lebendiges Wesen umgebracht. Ich bin ein Mörder.“ Seine Frau tröstet ihn.

Eine alte Frau gräbt ihren Garten um. Sie sammelt die Schnecken ein und trägt sie an den Waldrand. Sie deckt die Pflanzen mit Mulch zu, sie sprengt Weihwasser auf die Erde, sie säht das Kraut aus. Eine junge Frau kommt vorbei, als sie dem Igel am Abend gerade eine Schale Milch bringt. „Sie sind ja ein fürsorglicher Mensch“ sagt sie. „Nein“ sagt die alte Frau „ich bin eine Gärtnerin.“

Ein junger Mann ist traurig und fährt mit seinem Auto an einen großen Fluss. Er weint, er sieht alles nur noch durch einen grauen Schleier aus Tränen, er zieht seine Schuhe aus, er geht in das kalte Wasser, das kalte Wasser kribbelt an seinen Beinen, er bleibt kurz stehen, es ist schon dunkel. Dann geht er weiter, er schaut zurück, sieht verschwommene Lichter der Stadt und aufsteigende Rauchsäulen das Wasser ist an seiner Hüfte und die Strömung wird stärker und nimmt ihn mit, er taucht unter, seine Lungen füllen sich mit dem kalten Wasser und er ertrinkt. Als man ihn findet, bringt man ihn in die Gerichtsmedizin. „Wen bringt ihr uns denn da?“ fragen die Ärzte die Sanitäter. Sie stellen die Bahre ab und legen ihn auf den Obduktionstisch. „Wir bringen Euch einen Selbstmörder.“ sagen sie.

Eine junge Frau heiratet und wird unglücklich. Ihr ist eng in der Brust, sie fühlt sich dumpf und schwer und sie sehnt sich nach Leichtigkeit und Frische und ihr Mann erzählt ihr von Strukturen und Gesetzen und es wird ihr noch enger und schwerer. Die Frau verliebt sich und will fort von ihrem Mann. Als er es erfährt geht er zum Gericht und sagt: „Ich will geschieden werden. Meine Frau ist eine Ehebrecherin.“

Ein junges Mädchen spielt mit ihren Puppen und kümmert sich um ihre kleine Schwester und ihren kleinen Bruder und ihre Mutter fragt sie, was sie denn später einmal werden möchte.
„Ich möchte Kindergärtnerin werden“ sagt sie. „Ich mag Kinder.“

Eine unglückliche Frau kommt an der Kirche vorbei und geht hinein und spricht ein Gebet, sie zündet eine Kerze an, damit ihre Knochen aufhören, zusammenzubrechen, sie fürchtet sich vor der Zukunft, und sie liebt ihren Mann nicht und will ihn verlassen und sie verwöhnt ihre erwachsenen Kinder. Als sie nach hause kommt glänzen ihre Augen. „Was hast Du denn?“ fragt ihr Mann. „Nichts“ sagt sie „ich bin glücklich. Mir wurde ein Weg gewiesen.“ Von da an geht sie jeden Tag zur Kirche, arbeitet umsonst im Altersheim, bäckt Kuchen für das Pfarrcafè und spendet Geld für arme Menschen. „Jesus ist für uns gestorben“ sagt sie „er hat mir einen Mann gegeben und vier wunderbare Kinder, und man darf nicht hochmütig sein, man muss sich bescheiden und zufrieden sein mit dem, was man hat.“ Ihre Knochen brechen zusammen. „Man muss sein Kreuz tragen, wie der Heiland seines getragen hat“ sagt sie. „Das ist richtig so“ sagt ihr Seelsorger zu ihr „das ist gut, wie du es machst.“ „Davon bin ich tief überzeugt“ sagt sie „ich bin eine gläubige Christin.“

Ein alter Mann kommt aus einem fernen Land heim. Er war lange dort, er ist dort gesund geworden. Er zieht sich bunt an, er geht barfuß, er verlässt seine Frau und seine Kinder, er saugt den Rauch von Rauschpflanzen in seine Lungen, er lässt kranke Leute zu sich kommen und rasselt mit seiner Rassel und die kranken Leute werden manchmal gesund. „Wie machen Sie das nur“ fragt eine kranke Frau. „Ich bin eben ein Geistheiler“ sagt er.

Eine Frau geht spazieren und ihr ist leicht ums Herz und sie ist fröhlich und sie dreht sich um und geht rückwärts und beginnt, verkehrt zu sprechen und laut zu singen. Die Leute, die an ihr vorbeikommen sehen sie verwundert an. Eine junge Mutter mit einem Kinderwagen sagt: „Das ist eine Verrückte.“

Ein erwachsener Mann nimmt kleine Kinder mit zu sich in die Wohnung. Irgendwann kommt die Polizei und nimmt ihn mit. Man bringt ihn vor Gericht. „Warum machen Sie das?“ fragt man ihn. Er sagt lange nichts. Dann sagt er zögerlich und unbeholfen. „Ich mag Kinder.“

Ein Herz, eine Hand, ein Bein, ein Fuß, eine Lunge, eine Zunge, ein Bauch und ein Kopf springen zusammen und sind ein Mensch.

Unveröffentlichter Text, mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
Copyright bei Barbara Aschenwald.