DAS HERRENHAUS VERANSTALTUNGS-RAUM ARBEITS-RAUM KUNST LITERATUR MUSIK
 

Leseprobe aus Maiers neuerschienenem Roman:

Sanssouci




Die Beerdigungsgesellschaft

Für Anni Schmidt war der westdeutsche Regisseur ein
sehr angenehmer Nachbar gewesen. Sie erzählte Dinge,
die den Umsitzenden im Nibelungenhof, besonders den
Babelsbergern, doch ziemlich spießig erschienen. Man
musterte die Frau unverhohlen. Anni Schmidt trug ihr
schwarzes Trauerkostüm, das sie vor zehn Jahren in der
Gutenbergstraße in Potsdam anläßlich der Beerdigung
ihres Gatten gekauft hatte, und ein schwarzes Hütchen
mit Feder. Die Babelsberger trugen meistens nicht einmal
Schwarz, sondern Jeansjacken oder die abgetragenen
Sakkos, die sie auch sonst das ganze Jahr über trugen.
 

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Man saß im hinteren Raum der Wirtschaft.
Die Frau erzählte, daß sie den westdeutschen Regisseur,
also Max Hornung, vollständig Maximilian Alexander
Hornung, öfter im Garten getroffen habe, am gemeinsamen
Gartenzaun, denn er habe sich intensiv um seinen
Garten gekümmert. Garten, sagte einer der Babelsberger
und starrte sie mit offenem Mund an. Sie: Ja, Garten.
Rosen hatte er, und was für schöne! Er hat ja sogar das
Unkraut gemocht und immer gesagt, liebe Frau Schmidt,
Sie mögen das Unkraut nennen, aber findet die Distel die
Distel nicht ebenso schön wie eine Rose eine Rose? Einmal
bin ich ihm auf dem Kapellenberg begegnet, also, da
waren Blumen, wissen Sie, die habe ich noch nie gesehen,
obgleich ich da seit sechzig Jahren hingehe. So jemand
liebt die Natur, wer so viel sieht!
 

Aus: SANSSOUCI. Roman, Suhrkamp ©, 2009.
Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags