DAS HERRENHAUS VERANSTALTUNGS-RAUM ARBEITS-RAUM KUNST LITERATUR MUSIK
 


Aus dem 2008 erschienenen Roman 
DER CEMBALOSPIELER
 

Auszug:

Ich soll ein Konzert in Venedig spielen, in einem Palazzo aus
dem 18. Jahrhundert. Gala mit hundert illustren Gästen, Gourmetmenü,
Weinverkostung, so was macht man gern. Claire, deren siebzigster
Geburtstag gefeiert wird, hat mich gefragt, ob ich lieber im Hotel
wohnen will oder im Palazzo, und gleich gesagt, dass der Palazzo weniger
komfortabel sei. Ich entschied mich trotzdem für ihn, erstens weil
ich dann üben kann, ohne aus dem Haus zu gehen, zweitens aus romantischen
Gründen.
 

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Der Palast heißt Zenobio. Er sei berühmt, erklärt mir der junge
Mann, der mich am Bahnhof Santa Lucia abholt. Während wir im
Wassertaxi durch die Kanäle schnurren, fasst er zusammen: Erbaut von
Antonio Gaspari 1690–1700, allmählich erweitert zu einem der größten
und prächtigsten Palazzi des 18. Jahrhunderts mit damals über
dreißig Dienstboten. Seit 1850 im Besitz der katholischen Mönche aus
Armenien, sozusagen ein Ableger des Klosters von San Lazzaro; bis vor
zehn Jahren Priesterseminar, seitdem zu besonderen Anlässen vermietet;
von kunstgeschichtlichem Interesse wegen des illusionistischen Deckenfreskos
von Louis Dorigny. Das alles bedeutet mir viel, obwohl ich es
nicht sehen kann. 

 

Kapitel I
Wunderkind

Mit fünf Jahren sah ich zum ersten Mal ein Klavier. Es stand bei
meinem Kindergartenfreund Edi zu Hause, eine dunkelbraune
Kommode mit schimmernden Pedalen und lackglänzenden weißen
und schwarzen Tasten, höchst geheimnisvoll. Edis Mutter merkte,
wie beeindruckt ich war, und spielte ein paar Töne. Es war ein Zauberkasten!
Ich wurde von einer Sehnsucht überfallen, wie ich sie nie
gespürt hatte – einer Sehnsucht so groß wie der Himmel. »Darf ich
mal drücken?«, flüsterte ich. »Na klar, Moritz!«, sagte sie. Und nun
drückte ich eine Taste nach der anderen, spürte den Widerstand
und das plötzliche Nachgeben, hörte den runden, elastischen Klang
und war gefangen. Ich entdeckte, dass zu jeder Taste ein Ton gehört,
dass es besonders gut klingt, wenn man mehrere Tasten gleichzeitig
drückt und dazwischen eine Taste auslässt; dass manche Töne sich
nicht vertragen, andere aber schon, und das ergibt dann angenehme
und manchmal sogar ganz wunderbare Klänge. »Das ist ein Klavier?
«, fragte ich ehrfürchtig. »Ja«, lächelte sie, »und das kann man
lernen.«

»Ich will Klavier lernen!«, sagte ich zu Hause.

»Um Gottes willen, das kostet Geld, das muss
man üben, und
dann verlierst du die Lust –«, antwortete Mama.

»Ich verlier nicht die Lust. Ich will ein Klavier!«

»Hör auf zu nerven!«, sagte sie. »Ich habe weiß Gott genug Sorgen.
«

Von da an schrieb ich jahrelang auf jeden Wunschzettel »Klavier«.
Mama sagte: »Sprich mit Papa.« – »Aber Papa ist ja nie da!« –
»Eben!«, rief sie. »Siehst du nicht, dass ich genug Sorgen habe!«

Papas Abwesenheit war in ihren Augen eine Schande. Papas Anwesenheit
aber reizte sie zur Weißglut. »Na, ordentlich einen gehoben?
«, spottete sie, wenn er sonntagmittags vom Frühschoppen

nach Hause kam. Er beobachtete sie träge, mit geröteten Augen.
»Seht ihn euch an, Jungs«, sagte sie, »ein Kompaniechef der Bundeswehr.
So gehen Kriege verloren.« In dieser Art fuhr sie fort, bis er die
Uniformjacke nahm und ging. Manchmal aber rutschte ihm die
Hand aus. »Habt ihr das gesehen?«, schrie sie, »er erhebt die Hand
gegen seine Frau!« Heute will mir scheinen, es versetzte sie in eine
Art Begeisterung. Sie war wie ein überhitzter Dampfkessel mit verklemmtem
Ventil. Vater war dazu da, am Ventil zu reißen. Manchmal
schaffte er es, meistens nicht. Wir Kinder brachten uns in Deckung,
mehr konnten wir nicht tun. Und obwohl ich, sozusagen zur
Selbstbehauptung, weiterhin vor jedem Fest auf meinen Wunschzettel
»Klavier« schrieb, leuchtete mir ein, dass unter diesen Umständen
an ein Klavier nicht zu denken war.

Auch mit uns Kindern war Mama unzufrieden. An Kurt störte sie,
dass er so unruhig war. »Hör auf zu zappeln!«, warnte sie. »Noch
eine Grimasse, und du fängst eine!« Ich erinnere mich an Kurts verzweifelte
Grimassen – ich denke, sie waren sein Kommentar zur Situation,
er wollte Distanz gewinnen und schaffte es nicht. Genauso
hilflos zappelte er. Es wirkte ironisch und grotesk, aber eigentlich
war es die Demonstration seiner Ohnmacht. »Du führst dich auf
wie ein Idiot«, bemerkte Mama. »Kein Wunder, dass es mit der
Schule nicht klappt.«

Bei mir klappte es mit der Schule; ich reizte Mama durch andere
Unarten. »Raus mit der Nase aus dem Buch!«, befahl sie. »Gewöhn
dir das bloß nicht an!« Ich wartete, bis sie aus dem Zimmer war, und
senkte die Nase wieder ins Buch. Was hat das mit Gewohnheit zu
tun?, fragte ich mich. Tatsächlich sah ich schlecht, obwohl mir nicht
bewusst war, wie schlecht, ich konnte ja nicht vergleichen. In der
Schule saß ich seit der vierten Volksschulklasse in der ersten Reihe
und musste trotzdem immer öfter meinen Banknachbarn fragen,
was auf der Tafel stand.

Außerdem hatte ich Kopfschmerzen. Das war peinlich, Jungs haben
keine Kopfschmerzen, also versuchte ich es zu verbergen, aber
die Schmerzen kamen immer häufiger und dauerten immer länger.


Ich lernte das Wort »Anfall«. Die Anfälle begannen als punktförmig
stechender Schmerz über dem linken Auge. Das Auge begann zu
tränen. Jedes Geräusch verstärkte den Schmerz. Ich fing an zu zittern,
mein rechter Arm wurde taub. Oft musste ich brechen. Aber
nicht die Übelkeit war das Schlimmste, sondern eine Art überwältigendes
Unwohlsein, eine Hoffnungslosigkeit. Während ich sonst als
munter und aktiv galt – das stand sogar in meinem Zeugnis –, legten
diese Anfälle mich vollkommen lahm. Später lernte ich noch ein
Wort dafür: Migräne. So stelle ich mir die Hölle vor. Migränetage
musste ich aus meinem Leben streichen. Ich erwachte morgens mit
diesem Biss in die Braue und betete: Lieber Gott, mach, dass es vorbeigeht.
Der Schmerz steigerte sich, dann kam die Übelkeit, dann
die Taubheit, ich konnte nicht mehr sprechen und verwechselte
Wörter. Wenn es so weit war, ließen die Lehrer mich gehen, ich
schleppte mich heim und machte noch mit großer Anstrengung
Hausaufgaben, bevor ich ins Bett fiel. Einmal las ich in einem Buch
den Ausdruck Gebrechlichkeit und wusste sofort, was er bedeutete.
Er betraf mich.

Abends, auf dem Höhepunkt des Elends, verschwand der
Schmerz schlagartig. Es war eine solche Befreiung, dass ich ganz aufgekratzt
war. »Na siehst du, alles nur Einbildung«, sagte Mama. Aber
allmählich machte sie sich doch Sorgen, und als die Anfälle drei-bis
viermal pro Woche kamen, fingen wir an, Ärzte zu besuchen.

Die Ärzte fanden nichts und überwiesen mich an einander weiter.
Stunde um Stunde verbrachten wir, ich zehnjähriger Invalide und
meine verzweifelte Mutter, in Wartezimmern. Wenn wir endlich
drankamen, war Mama fix und fertig, und manche Ärzte machten
sich mehr Sorgen um sie als um mich. Nur einmal fragte einer, ob
ich schon einen Sehtest gemacht hätte. Als wir ihn verließen, den
Überweisungsschein in der Hand, sagte Mama: »Also bevor wir jetzt
zum zwölften Arzt gehen, machen wir selber einen Sehtest. Lies mal,
was dort auf dem Schild steht.« Ich sah kein Schild. »Na, dort unten,
auf dem Haus!« Es war unser letzter Sommer in Gernstadt, und
wir gingen den Domberg hinab. Ich erkannte ein Gebäude, aber
kein Schild und keine Schrift. Nach ein paar Metern fragte Mama
wieder, ich sah nichts, und nun fragte sie bei jedem dritten Schritt –

nichts. Am Fuß der großen Treppe endlich erkannte ich verschwommene
rote Linien, immerhin, und dann, ein paar Meter vor
dem Haus, so nah über mir, dass ich mir fast den Hals ausrenkte, die
riesigen roten Buchstaben: SPARKASSE.

Für Mama war es ein schwerer Schock. Wieder gingen wir zu Ärzten.
In der Uniklinik träufelte man mir Saft in die Augen, dass ich
den ganzen Tag lang geblendet war, klemmte meinen Kopf in ein
Gerät und ließ mich immer wieder auf einer Tafel Buchstaben lesen,
die ich bald auswendig kannte. Schließlich erklärte ein Spezialist,
dass ich an einer Augenmuskelgleichgewichtsstörung litte, was sich
mit der Pubertät geben würde. Er erklärte, dass Augenmuskelgleichgewichtsstörung
eigentlich Schielen bedeute, und das kam mir
merkwürdig vor, denn ich schielte nicht, ich bekam sogar gelegentlich
Komplimente wegen meiner schönen Augen. Aber dann dachte
ich, Schielen oder nicht, Hauptsache, es geht vorbei. Heute nehme
ich an, dass der Arzt Mama schonen wollte, denn sie war schon vor
der Diagnoseverkündung so nervös, dass wir fürchteten, sie würde
in Ohnmacht fallen.

Sie quälte sich. Sie war immer unglücklich gewesen. Nun ging ihr
einziges Trachten und Streben – so nannte sie es selbst: »Mein einziges
Trachten und Streben« – nach einer glücklichen Familie. Dass
das nicht klappte, war unsere Schuld. Vor allem übrigens Papas
Schuld, was wir ohne weiteres einsahen. Papa war ein »Versager«,
sein ganzer Magen war voller Geschwüre, weil er »es nicht gepackt«
hatte. Seine Arbeit als Kompaniechef der Bundeswehr in Gernstadt
hatte ihn »überfordert«, und zwar derart, dass er eines Nachts betrunken
nach Hause kam und vor unserem Kinderstockbett Blut erbrach.
Ein Notarztwagen nahm ihn mit, und im Krankenhaus
wurde ihm der halbe Magen entfernt. Mama erklärte uns die Zusammenhänge.
Dann kam Papa nach Hause und durfte als Genesender
zwei Monate nicht arbeiten. Er langweilte sich, aber er gab
sich Mühe mit uns, er gab sich auch mit Mama Mühe; nur wenn er
gelegentlich aus dem Flachmann einen Schluck zog, wurde er munter,
und nach ausreichend vielen Schlucken wurde er albern und


zappelig wie Kurt, sodass er mir manchmal eher wie ein zweiter Bruder
als wie ein Vater vorkam. »Reitet nicht auf meinen Nerven
rum«, warnte Mama. Denn in diese Zeit fiel mein Geburtstag, und
wieder hatte ich »KLAVIER« auf meinen Wunschzettel geschrieben,
diesmal in Großbuchstaben. »Jetzt ist nun wirklich der falsche
Augenblick, das siehst du hoffentlich ein.«

Papa wurde nach München versetzt, und wir bezogen eine Dienstwohnung
in Bogenhausen. Papa war hier immer noch Hauptmann,
aber nicht mehr Kompaniechef. »Eine Degradierung«, kommentierte
Mama. »Aber vielleicht kann er so wieder Tritt fassen.« Er
fasste nicht Tritt, aber man kann auch nicht sagen, dass sie ihn besonders
unterstützt hätte.

Eine Wendung zum Besseren gab es: Die für mich ausgewählte
Schule war ein musisches Gymnasium. Jeder Schüler sollte ein Instrument
lernen, und weil in einem Übungsraum ein Leihcello zur
Verfügung stand, das sonst keiner wollte, bekam ich Cellounterricht.
Ich musizierte gern, wenn auch mit mäßigem Erfolg: Mich
störte, dass ich nur eine Stimme spielen sollte, ohne zu wissen, was
in den anderen Stimmen ablief, und ich fühlte mich verloren, weil
ich nicht wusste, wie die Musik insgesamt klang.

Immer noch litt ich unter Migräne, und als ich dreizehn wurde,
konnte ich auch in der ersten Schulbank nicht mehr lesen, was auf
der Tafel stand. »Wann kommt denn endlich die Pubertät?«, fragte
ich – ich hatte mir gemerkt, dass die, was immer sie sein sollte,
meine Heilung brächte. »Ach ja«, sagte Mama zweifelnd, »wir sollten
vielleicht noch mal zum Arzt? In München sind die Ärzte vielleicht
schlauer?«

Der Münchner Augenarzt schickte mich auf den Gang, bevor er
meiner Mutter die Diagnose eröffnete. Beim Rausgehen hörte ich
noch den Satz: »Ganz blind wird er vielleicht nicht.« Auf einem Spaziergang
durch den Englischen Garten erklärte Mama mir dann
alles.

Bis heute staune ich, wie ruhig und vernünftig sie mit mir sprach.
Mama mit ihrem Unglück, ihren Launen und ihrer unberechenbaren Wut,
ausgerechnet Mama war jetzt nüchtern und mitfühlend
bis zur Selbstverleugnung – verstehe das, wer kann. Mir wurde ganz
feierlich zumute. Die Diagnose lautete juvenile Makula-Degeneration.
Ein Genfehler: Meine Netzhaut würde von innen nach außen
hin absterben, und mit dreißig war möglicherweise Schluss. Noch
hatte ich eine Sehkraft von sechzig Prozent, was besser klingt, als es
war, denn ich konnte keinen Punkt mehr fixieren, ich sah nur mit
den Rändern der Netzhaut. Wenn ich einen Gegenstand erkennen
wollte, musste ich an ihm vorbeischauen, damit er am Netzhautrand
hängen blieb.

Aber an einen Schock angesichts der Diagnose erinnere ich mich
nicht. Im Gegenteil: Ich fand es irgendwie großartig. Die gegenwärtige
Behinderung war ich gewohnt, und mein dreißigstes Lebensjahr
war für mich etwa so vorstellbar wie das nächste Jahrhundert.
Ich begriff, dass ich ab sofort etwas ganz Besonderes war und dass
für mich andere Gesetze galten. Sogar die Migräneattacken hatten
plötzlich eine höhere Berechtigung, und das Mitleid aller war mir
gewiss. Mitschüler und Lehrer sahen mich scheu und neugierig an.
Ich merkte: Je unbekümmerter ich auftrat, desto ergriffener waren
sie. Eine Lehrerin, die ich zu trösten versuchte, brach vor meinen
Augen in Tränen aus. Ich gebe zu, dass ich diese Reaktionen genoss
wie Nektar.

Mit Mama ging ich zu einem Berater der Blindengesellschaft
e.V., der mir Fragen und Testaufgaben stellte und dann meinte, ich
solle nicht auf eine Blindenschule gehen, sondern unbedingt auf
dem Gymnasium bleiben. Ich sei intelligent!, hörte ich. Dann
sprach er über verschiedene Blindenberufe – Telefonist, Korbflechter
– und meinte, für mich fände sich sicher etwas Besseres. Musik
vielleicht? Hat der Bub ein gutes Gehör? So, er lernt schon Cello,
das ist doch was! Cello hat zwar keinen Zweck, denn im Orchester
muss man den Dirigenten anschauen, aber ein Tasteninstrument,
da gibt es verschiedene Möglichkeiten, vom Klavierstimmer bis zum
Organisten.

Der Anfang von: Petra Morsbach , DER CEMBALOSPIELER. Roman, Piper
München Zürich 2008©
Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags