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Die dritte Geschichte


Verdächtig alle Nachwelt. Auch die Stille ist
bloß ein anrüchig Schleichweg des Leugnens.
Nach der Antike Sagen und Worten der Bibel
ist deine heilige Schrift der Rauch der Verwüstung.

Was ist geschehen? Zweitausend Jahre zu flüchtig,
es zu erfahren. Frage Hiob. Ihn haben die
Toten beerbt. Jeder Treffer zieht seine Schußbahn
im Äther weiter. Gott bestimmt. Das Böse deutelt.

Die wiegen ab dein Gewicht, die vernichtet wurden.

Deine Liebe ist bitteres Salz. Keine Freiheit
im anderen Körper - nie findet die Leidenschaft
in Bangigkeit Erfüllung: Halte die Wacht als der
nackte Spiegel, damit nicht dein Träumen
ihr Dasein verhülle. Erkenne ihr Zeichen.

Auch du entgehst nicht, vergeblich die Gnade.
Schuldlos bist du zufällig, du weißt es.
Die Schande beschmiert dich von oben bis unten.
Gott spricht mit mir immerzu über sie. Er
gäbe sein Leben hin, um den Tod abzuwerfen.


Aus dem Ungarischen von György Buda

 

Vorgefühl des Festes

Ein Monat, anderthalb
hindämmernde Zeit,
durstiges Warten und
wasserfleckiges Schuhwerk.
Düstere feuchte Dämmerung,
darin schwebend
die dünne Kindheit – Orangen
und fünf Paar Männersocken.

Zeit, in welcher geheime
Gewißheit zittert:
es gibt einen Sieg, das Öllicht
flammt auf, es lodert und fackelt!
Das winterliche Dämmerlicht
strandet auf unserem Haus
und wirft seine grünliche Haut ab,
es sinkt immer tiefer.

Das Fest hielt Wache über der Stadt
oder hinter dem Frost
und wiegte den grünen Nebel.

Ich nahm das Fest in mir auf, verstohlen.
Es hatte kaum mehr als im Alltag gewogen.

Doch sag, was ist dieses Fest,
dieses Streulicht, der Funke, der aus einer
Stichwunde sickert, der zischt und prasselt
und Hunderte Nadeln versprüht?

Das Fest ist weit von allen Tagen entfernt.
Wie die Zeiger der Uhr von der Zeit.
Mein Herz schweigt von Jahr zu Jahr anders.

Die Maschine keucht, klappert und knarrt.
Weihnachten kommt immer öfter.
Der Winter wickelt sich auf wie ein Verband.

So viel Trauer ergießt sich unter dem Mond.
So viele Frauen gebären, so viel Trauer gebiert
rauchendes Eisen.
So viele liegen bereits,
Krähen, zu Haufen geschossen,
vor der Schwelle des Sieges.

So viele Leiber, verflochten,
bezeichnen einen einzigen Ort.
So viele Kerzen brennen
anstelle der Sterne fort.

Sie naht,
ich fühle es, über die großen Wässer
gleitet sie immer näher heran,
die heiß ersehnte
feurige Botschaft
in einen Brustkorb geschlossen.
Ein rotes Stimmband
würgt meine Kehle.

Das Fest bleibt ewig, in weiter Ferne.
Es flieht die Vollendung. Beraubt mich seiner.
Nicht eingelöste Verlockung, trügerische Wörter.
Versprechungen Gottes, ein fauler Wechsel.

Der Raum erglüht, er weitet sich aus.

Ein gleißender freier Tag in Seinem Kalender.
Hier ist das Fest ein samtener Mangel.

Aus dem Ungarischen von György Buda

 

Frühling in Edenkoben

I.

Die Amseln und die Stare,
sie locken und sie tratschen,
sie alle singen, pfeifen,
hoch oben auf den Lärchen
im Busch und auf den Wegen,
und in den Weinbergen.

Der grüne Pelz der Moose
deckt Steine in der Mauer -
still und eilig kräuselt sich
wie Rauch ein Sporenfaden.

Mandelbäume schweben wie
auf Zehenspitzen weiß, im
Blumenschmuck. Regen auf den
Busch: warme Tropfen knospen.

Ein Regenwürmchen krümmt sich
und schiebt über die Erde,
ringelt sich fort und fort.
Kleine und große Schnecken
kriechen im Straßengraben
auf Gräser, Zweige, Efeu,
auf alte Rebstöcke:

weiche Körper öffnen sich,
dem speichelwarmen Himmel
drohen weiche Fühler. Die
gleitet mählich hetzend, - sie
spannt und drängt sich auf dem
eilegestauchten Bogen
gespannt und langsam weiter.

Sie sind das Kostbarste
im Menschenleben, die
von der Jahreszeiten
Sense gemäht werden:
liebeskranke Amseln,
stets bemühte Schnecken,
erblühende Moose.

II.

Blaurot ist der Kot in Edenkoben:
er rinnt über den Weg und kleistert nicht –
über ihm zittern, pfeifen, gleiten
Sträucher, Amseln, Regenwürmer, vorwärts
strebend, in den Lenz hinein. Eroberung.

Warum aber singen und paaren sie sich,
warum nisten sie auf Lärchen und Linden?
Warum treibt das Moos versteckt kokette
Sporen, der Wurm, warum windet er sich?

Sie eilen in tödlicher Langsamkeit fort.
Warum, wohin sie hetzen, wissen sie nicht,
nur daß sie leben: und die Welt für sie
schimmernde Schale, feiner Flaum und Flügel,
und Glanz auf Laub und Augen ist, ein Fluß,
voll wiegend wogend Wassergras, worauf
der Sommerregen duftend niederprasselt.

Sie wissen wohl, sie schwatzen, und sind doch
die ganze Welt, die Welt des Jahres jetzt:
der Pfauenmond nimmt über ihnen zu und
ab, Planeten ziehen ihre Bahn mit
ihnen, und sie wissen: sie messen alle
Zeit der Welt. Was in ihr ist, erfährt sich
nur durch sie. Nur sie bilden die Welt ab.

III.

Der Sinn des langen, grüblerischen Tages
ist eines nur: ich schlenderte dahin im
feinen Regen, im unsichtbaren Rauschen
von Radiosendern, Telephonen; hinter
Preßhäusern, Weingärten, Straßengräben,
und an der steingefügten Klostermauer
befühlte ich die leibhaftige Zeit.

Ich laufe im Zickzack, so wie die Maus
rennt über Matsch und Kot der Straße – so
irre ich herum in meinem Schicksal,
verstört nach einem Anlauf, ahnungslos:
denn ich zeige wie die Uhr, die Zeit der Welt,
läuft meine ab, wird sie an meiner Stelle
von Rispen des Ligusters angezeigt.
Der Regen tickt. Mit ihm ein Vogeljunges. 

Übersetzt von Daniel Muth

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In deutscher Übersetzung zum ersten Mal  2007 publiziert in: "EXTRAKT. 10 Jahre Literatur im Herrenhaus Edenkoben". © Alle Rechte bei der Autorin