DAS HERRENHAUS VERANSTALTUNGS-RAUM ARBEITS-RAUM KUNST LITERATUR MUSIK
 

Im Bergel


April, gehst naß übers Land
mit kleinem Gepäck
und zeigst mir den Rand
zwischen Weinberg und Schreck.

Bald steigt auch der Mai
in die Gerüchte herab;
lacht allen herbei,
was sich unlängst begab:

Den Schlag ins Genick,
der uns ein bißchen verfehlt,
das Holz und den Strick
bis zum Anfang gezählt.

 

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Was war

Da war doch noch etwas. Ach ja,
die Liebe und daß sie uns fehlt.
Ein blasses Erinnern, dèja
vu. Was uns sonst noch so quält

und welche Rolle wir spielen
in Wirklichkeit, hat kein Gewicht:
Ich, das an den andern, den vielen
anderen Rollen zerbricht.



Zweite Natur

Staunend
über die Ausdauer, mit der das Lebendige
lebt, über die Phantasie
der Triebe, schau ich zu, wie der Garten
langsam verwildert.

Ich weiß, ohne irgendein Recht, da
zu sein, bin ich hier. Fristlos kündbar
sitz ich am Zaun, arglos fertig
gemacht unter einem fremden Stern, herbeizitiert
in die Haut, diese einmalige Geschichte,
und bereite mich vor, während
der fleißige Nachbar das Gras
von der Klinge wischt, damit sie
nicht rostet.

Im gemieteten Paradies nenn ich
nichts Nennenswertes mein eigen, nur
eine machtlose Art Liebe, die fremd gehen wird
mit dem Tod, nur die paar gepackten
Buchstaben, auf denen ich sitze, nur
die Erinnerung, das fleißige Lieschen
meiner Irrtümer, stetig wachsende
Zweifel, meine zweite Natur.
 

Sicher, auch traurig geworden
auf natürliche Weise, als ich erwachte
und den Schlüssel blutrot im Gras
sah, ohne mich bücken zu können. Wenn
ich wüßte, wer das getan hat, ich würde
hingehn. Aber so bleibe ich, ungefragt
staunend, am Zaun, so beuge ich mich
vorläufig über ein Blatt, verliebt
in etwas, ohne Hoffnung
auf mehr.

 

 

Langsam, aber sicher

Für Franz Hodjak

 

Während es langsam, aber sicher wärmer wird
in der Welt, während wir uns irrsinnig freuen
über das Verschwinden der Grenzen, während
wir hinter der letzten sichtbaren Galaxie
verzweifelt nach Leere suchen, während das
Quecksilber der Utopie von der klassenlosen
Gesellschaft ins Grundwasser sickert, während
wir staunen, weil es im Kino noch Menschen
mit Tätowierungen gibt, während wir langsam,
aber sicher Abschied nehmen von Formen und
Werten und zurückkehren zur Vollwertkost, in
die Normalität, zum zwanglosen, netten Gespräch,
während wir uns mit der richtigen Gesinnung
immer mehr vormachen, was uns keiner mehr
abnimmt, während wir langsam, aber sicher
aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und
in eine Zukunft aus Altpapier gehen, während wir
uns auffressen lassen vom Geld, von einer guten
Beziehung, von der Bedeutung des Augenblicks,
von der Freiheit, sich für ein kleineres Übel
und gegen sch selbst entscheiden zu können,
während wir von der Liebe sprechen und die Namen
der Geschöpfe vergessen, während die Welt langsam,
aber sicher in der Umwelt verschwindet,

kommen die Barbaren zu uns,
aus der Leere hinter der letzten sichtbaren
Galaxie, langsam, aber sicher wachen sie auf
In den Wüsten, in Draculas Schloß, und wischen
Sich den Schlaf der Vernunft aus den Augen,
die Blicke scharf von der Gier nach einer
Enttäuschung, die aussieht wie Hoffnung, langsam,
aber sicher zertrampeln sie uns die letzten
Blumen aus Stacheldraht in den Biotopen des
Todes, sie kommen und fordern den Lohn der
Geschichtslosigkeit, ihren gerechten Anteil
an Coca-Cola und Erdöl, an Mozart und Mickymaus,
am kleineren Übel und an der Freiheit, sich für
ein kleineres Übel und gegen sich selbst
entscheiden zu können, an den traurigen Tropen,
langsam, aber sicher kämpft sich Boris
Jelzin ins Finale von Wimbledon vor, langsam,
aber sicher laufen ihre Dichter mit nackten
Hintern durch Wien und legen das halbe Abendland
aufs Kreuz, langsam, aber sicher riecht
der Weihrauch nach Knoblauch, langsam, aber
sicher wollen sie werden wie wir und hassen
uns, weil sie es schaffen, sie kommen, die
Barbaren, und packen ihre Rostlauben voll mit den
Früchten aus dem Garten der Unlust, sie lassen
uns sitzen
vertreiben wir sie,
die Barbaren, langsam, aber sicher zurück
in die Wälder, in den Schweiß, in Draculas
Schloß, der Apfel, flüstert die Schlange, war
eine Holographie und der Augenschein ist
das Paradies


 

Das Gedicht "Langsam, aber sicher. Für Franz Hodjak" aus: Der Schlaf des Trommlers. Gedichte, © 1992 by Ammann Verlag & Co., Zürich. Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags

Die unveröffentlichten Gedichte "Was war" und "Zweite Natur" mit freundlicher Genehmigung des Autors.
© beim Autor