DAS HERRENHAUS VERANSTALTUNGS-RAUM ARBEITS-RAUM KUNST LITERATUR MUSIK
 

 

Aus Gesprächen Gewonnenes

Als sie neun oder zehn ist, fügt sie dem Fahrrad der Schwester einen Kratzer zu, einen Kratzer an einer schwer einsehbaren Stelle. Dass es von nun an eine heimliche Beschädigung aufweist das Fahrrad, darauf kommt es ihr an. Frisch aus dem Laden, beide Fahrräder, ihres und das der Schwester. Aber nur ihres ist wahrhaft unverwundet, unangegriffen, unangekratzt, strahlend neu und glänzend.
 

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Ein Morgen- und Tauapfel
Matthias

Und dann war er da heraus aus der Klink. Der Alkoholismus überwunden. Die Welt frisch und jung, gereinigt. Und er hatte es geschafft, sich da herauszuarbeiten aus dem Alkoholsumpf. Das gelingt ja nicht vielen, eine gewissen Stärke gehört da ja dazu. Die hat er. Mehr Selbstbewusstsein, Dinge angehen, das tat von nun an Not. Sich nicht weiter in Träumen verlieren von großen Möglichkeiten, dabei trinken und nichts angehen. Jetzt alles angehen. Alles, was er verpasst hat über die Jahre seines Trinkens, nachreifen. Trinken hält seelisch jung, so könnte gesagt werden. Oder anders: Wer trinkt, entwickelt sich nicht, steckt fest. Das muss sich ändern. Er ist klug, das wird helfen. In der Klinik ein Intelligenztest, überragend. Er wird jetzt einfach alles nacharbeiten. Mit so viel Energie ist er aus dieser Klinik, wie der Apfel vom Baum wieder in die Welt zurückgefallen. Ganz rot, ein Morgen- und Tauapfel. So war er, so hat er sich gefühlt. Dass die Welt nur wartet auf ihn. Auf ihn mit seinem neuen, strengen Tagesablauf, seinem strengen Lebensplan.
Schriftsteller werden, das schwebte ihm vor. Schon immer, schon seit er sechzehn und siebzehn war, hat ihm das vorgeschwebt. Berühmt werden, nicht bloß so ein deutsches Provinztalent, wirklich berühmt werden, über Deutschland hinaus. In den USA Fuß fassen. Vielleicht irgendwann einmal nach Manhattan ziehen. Träume natürlich, aber er denkt immer noch gerne daran. Schreibt sofort leichter, wenn er sich wieder einmal daran zu denken, zu glauben erlaubt – ein weltweiter Schriftsteller. Talent hat er, viel davon, das ist ihm immer wieder bestätigt worden. Jetzt nur etwas fertig stellen. Etwas ganz und gar fertig stellen und abschließen, das steht jetzt an.
Er hat ja im Wesentlichen geträumt, als er ein Kind war, saß im Garten, auf Bäumen in Wiesen, stiefelte durch Geschichten von Ruhm, Reichtum und Anerkennung, von Abenteuern, auch in Dunkelheiten hinein, in Abgründiges. Da hat er nichts ausgelassen. Er hat ja eine Phantasie, die sich nicht immer hineinreden lässt. Da webt sich manches wie von selbst. Da steckt er dann plötzlich fest und ist eingewickelt. Auch das ist vorgekommen. So war er also. Verträumt und hoffnungsvoll, auch ängstlich, als er ein Kind war.
Irgendwann ist er dann ins Trinken hineingeglitten. Die Welt muss ja mit der Traumwelt Schritt halten können. Und er muss Schritt halten mit dem Abenteurer und Weltenstürmer, der er in seinen Träumen ist. Unter Alkohol ist ihm da manches gelungen. Mit fünfzehn hatte er zwei Freundinnen gleichzeitig, die nichts voneinander wussten. Das war ein gehöriger Organisationsakt, sehr viel Energie hat ihn das gekostet. Die dunklen Augen und Haare, das hat etwas hergemacht, und er hat gut erzählen können und gut tanzen. Ohne Alkohol nicht, da war er seltsam, versponnen, in sich gekehrt. Hat früh schon vor jedem Diskoabend drei Schnaps hinuntergestürzt, zur Selbstermutigung. Keiner durfte wissen, dass er das nötig hat.
Also Schriftsteller werden, Schriftsteller sein. Daran arbeitet er jetzt, seit er aus der Klinik heraus ist. Von allen Seiten Zustimmung. Er wird wirklich beklatscht für seine Geschichten. Ein Buch, das zögert er immer wieder hinaus. Immer wachsen ihm seine Projekte in den Himmel, dass er hin und her springen muss zwischen ihnen, nichts abschließen kann. Die Feinheiten, da kann er sich ganz hinein sinken lassen und dann sieht er das große Ganze, längst ist es durchgeplant, das Planen ist ihm ja auch eine Freude, aber dann in der Ausarbeitung fast zu groß für einen alleine, fast zu groß, um wirklich bewältigt zu werden. Jetzt also demnächst ein eigenes Buch, er muss sich regelrecht dazu zwingen, da nicht wieder zurückzuscheuen. Er muss regelrecht da hinein geschoben werden. Er hofft, dass es ein Erfolg wird. Zurechtgestutzt werden, das verträgt er nicht so gut, da kennt er sich. Dann scheint es ihm gleich, als wäre ihm nie etwas gelungen. Als wäre er nichts, hätte nichts. Dann rinnt ihm alles durch die Finger. Manhattan, kann sein, dass er ohne wird auskommen müssen. Das weiß er natürlich. Aber er will nicht. Er lebt doch schon dort, seit Jahren schon. Es wäre ihm also ein erheblicher Verlust.

 

Seine vielleicht erste Erinnerung, dass er unter dem Weihnachtsbaum liegt und sich in einer roten Weihnachtskugel spiegelt. – Als er sich im folgenden Jahr wieder so gespiegelt vorfindet, denkt er zurück und weiß auf einmal, dass Zeit vergangen ist, dass Zeit vergeht.

 

 

Aus: Dies und das und das. Porträts.  © S.Fischer 2006.
Mit freundlicher Erlaubnis des Verlags